Panama Info
Nr. 87            November 2006

Kinder in ihrem Haus in Buenos Aires

Wo sind die deutschen Schriftsteller, die sich mit der Kraft ihres Wortes in die Politik einmischen, die bei gegebenem Anlass auf Fehlentwicklungen in der Innen- und Außenpolitik aufmerksam machen und mehr Solidarität mit den Menschen in den Entwicklungsländern einfordern? Bei der Auseinandersetzung um die Reform der deutschen Rechtschreibung haben sie sich vehement zu Wort gemeldet. In anderen wahrlich wichtigeren Fragen bleibt ihr Protest aus.

Eduardo Galeano, ein weltweit bekannter Schriftsteller und Journalist aus Uruguay, äußert sich regelmäßig zu politischen Themen, die vor allem Lateinamerika betreffen. Im August erschien von ihm ein Text „Rettungsringe aus Blei“. Hier einige Auszüge.

Rettungsringe aus Blei

Im Befehlston wird unseren Ländern klar gemacht, dass sie an den freien Handel glauben müssen  obwohl er nicht existiert), dass sie ihre Schulden bezahlen sollen (obwohl sie beleidigend sind), dass sie sich für ausländische Investitionen öffnen sollen (obwohl sie niederträchtig sind) und sie sich für die Welt öffnen müssen (und sei es durch die Hintertür).
Sich der Welt öffnen: diese Welt ist der Markt, der Weltmarkt, wo man Länder kauft. Das ist nichts Neues. Lateinamerika entstand, um sich ihm zu unterwerfen, als der Weltmarkt noch nicht so hieß, und ob recht oder schlecht, wir sind ihm weiterhin unterworfen.
Diese traurige, Jahrhunderte alte Geschichte begann mit den Gold- und Silberfunden und setzte sich fort mit dem Zucker, dem Tabak, dem Kakao, der Banane, dem Kaffee, dem Erdöl...Was brachte uns dieser prächtige Handel? Weder eine Erbschaft noch Zuneigung. Stattdessen in Wüsten verwandelte Gärten, verlassene Felder, durchlöcherte Berge, verseuchte Gewässer, lange Karawanen unglücklicher Menschen, zu einem frühen Tod verdammt, leere Paläste, bewohnt von Geistern.
Jetzt geht es um die genmanipulierte Sojabohne und die Zellulose. Und noch einmal wiederholt sich die Geschichte des flüchtigen Glanzes, der uns beim Klang der Trompeten langes Elend ankündigt.
Wir weigern uns, auf die Stimmen zu hören, die uns warnen: die Träume des Weltmarkts sind der Alpdruck der Länder, die sich seinen Launen unterwerfen. Wir klatschen Beifall, wenn die Naturgüter vernichtet werden, die Gott oder der Teufel uns gegeben hat. So arbeiten wir auf unseren Untergang hin und tragen zur Vernichtung der wenigen Natur bei, die es auf dieser Welt noch gibt.
Argentinien, Brasilien und andere Länder leben im Fieber der Gen-Sojabohne. ... Das heißt heute Brot und morgen Hunger, wie Bauerngewerkschaften und Umweltorganisationen anklagend feststellen.
Die Verfechter der Genmanipulation behaupten, die Schädlichkeit für die menschliche Gesundheit sei nicht bewiesen. Es ist aber auch nicht erwiesen, dass sie unschädlich ist. Und wenn alles so harmlos ist, warum sträuben sich die Produzenten, auf der Verpackung zu erklären, was genau sie verkaufen? Wäre ein entsprechendes Etikett auf der Verpackung der genmanipulierten Soja nicht die beste Reklame? ...
Die riesigen für die Gensoja bestimmten Flächen vernichten die einheimischen Wälder und vertreiben die armen Bauern. Diese hoch mechanisierten Betriebe beschäftigen wenige Arbeitskräfte. Sie vernichten mit den Schädlingsbekämpfungsmitteln die kleinen Pflanzungen und die Gärten der Familien. Die Abwanderung in die großen Städte nimmt zu, wo man glaubt, dass die Vertriebenen dort konsumieren werden - wenn sie Glück haben - was sie vorher produziert haben. Das ist das Gegenteil einer Agrarreform.
Auch die Zellulose ist inzwischen in verschiedenen Ländern aktuell geworden. Uruguay will das Weltzentrum der Zelluloseproduktion werden, um mit billigem Rohstoff die Papierfabriken der Welt zu versorgen.
Es handelt sich um Monokulturen für den Export - eine Kolonialtradition in der reinsten Form: riesige künstliche Pflanzungen. Man behauptet, es handle sich um Wälder. Sie werden in einem industriellen Verfahren zu Zellulose verarbeitet, wobei die chemischen Abfälle in die Flüsse geleitet werden und die Luft verpestet wird. ...

Wir wurden von den großen internationalen Konzernen auf der Landkarte entdeckt. Sie zeigten plötzlich eine Vorliebe für dieses Uruguay, wo es keine Technologie gibt, die in der Lage wäre, sie zu kontrollieren. Der Statt gewährt ihnen Beihilfen und befreit sie von Steuern, die gezahlten Löhne sind rachitisch, und die Bäume wachsen im Nu.
Alles weist darauf hin, dass unser sehr kleines Land die erstickende Umarmung der Wirtschaftsriesen nicht aushalten kann. Wie es dann so geht: der Segen der Natur verwandelt sich in den Fluch der Geschichte. Unsere Eukalyptus-Bäume wachsen zehnmal schneller als die Bäume in Finnland. Und das bedeutet, dass die industriellen Plantagen zehnmal zerstörerischer sind. Beim vorgesehenen Tempo der Ausbeutung wird ein Großteil des nationalen Territoriums bis zum letzten Wassertropfen ausgepresst. Die durstigen Riesen werden unseren Boden und Untergrund trockenlegen. ...
Paradoxe Tragödie: dieses war der einzige Platz auf der Welt, wo das Eigentum am Wasser einem Volksentscheid unterworfen wurde. Mit überwältigender Mehrheit entschieden wir Uruguayer im Jahr 2004, dass das Wasser ein öffentliches Gut bleiben soll. Gibt es keine Möglichkeit, die Missachtung des Volkswillens zu verhindern?
Die Zellulose, man muss es zugeben, ist zu einer Art patriotischer Angelegenheit geworden. Der Schutz der Natur weckt keinen Enthusiasmus. Noch schlimmer: in unserem an Zellulitis erkrankten Land werden einige Wörter, die bisher keine Schimpfwörter waren, so Ökologie und Umweltschutz, allmählich zu Beleidigungen, um damit die Feinde des Fortschritts und die Saboteure der Arbeitsbeschaffung zu beschimpfen.
Das Unglück wird gefeiert als ob es sich um eine gute Nachricht handle. Es ist besser, an der vergifteten Umwelt als an Hunger zu sterben. Viele Arbeitslose glauben, es bleibe nichts anderes übrig, als zwischen zwei Übeln zu wählen. Die Verkäufer von Illusionen kommen und bieten tausende und abertausende Arbeitsplätze an. Aber das eine ist die Werbung, das andere die Realität. Die MST, die Vereinigung der landlosen Bauern, hat Daten veröffentlicht, die für sich sprechen und nicht nur für Brasilen gelten. Die Zellulose kreiert einen Arbeitsplatz je 185 ha, ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb hingegen fünf Arbeitsplätze je 10 ha. Die Unternehmen versprechen nur das Beste: Arbeit in Hülle und Da fragt man sich, warum vollbringen sie dieses Wunder nicht in Punta del Este, um in unserem wichtigsten Badeort die Lebensqualität zu verbessern und den Tourismus anzukurbeln?


Tim Felten und Yanick Targonski von der Friedrich-Harkort-Schule in Herdecke waren während der Osterferienzeit drei Wochen zu einem Arbeitseinsatz in Buenos Aires (Veraguas), wo unser Verein eine ganze Reihe von Projekten finanziert hat. Um den beiden Schülern einen Eindruck von den Lebensbedingungen der indigenen buglé und der Landschaft in einer noch höher als Buenos Aires gelegenen Region zu verschaffen, lud Padre Niscasio sie zu einem Besuch seines Geburtsortes Aguas Calientes ein. Ich selbst habe mich nie dorthin gewagt, weil ich Angst vor den Strapazen des Weges hatte. Im Folgenden beschreiben Tim und Yanick ihr Reiseabenteuer.

Besuch in Aguas Calientes
Vor unserer Abreise am frühen Morgen gibt es ein Frühstück, bestehend aus Reis und getrockneten, gesalzenen Bananen. Da wir beide keinen Bissen von den Bananen herunterbekommen, machen wir uns mit fast leerem Bauch auf den Weg nach Aguas Calientes, einem Bergdorf in der Nähe heißer Quellen. Begleitet werden wir von einem Schuljungen aus Aguas Calientes, der im Internat von Buenos Aires wohnt, von zwei Erwachsenen und zwei Maultieren, die als Pack- und Reittiere dienen.
In der Frühe herrscht noch nicht die typische drückende Hitze, aber das sollte sich rasch ändern. Die ersten drei Stunden bewältigen wir zu Fuß. Als unsere Kräfte unter der Hitze und dem ständigen Auf und Ab stark nachlassen, machen wir eine kurze Pause und genehmigen uns einen kräftigen Schluck Wasser aus unserem Drei-Liter-Vorrat, der für vier Personen ausreichen muss. Während unserer Rast stößt Padre Niscasio, der indigene Pfarrer von Buenos Aires, zu uns und begleitet uns auf seinem Maultier bis nach Aguas Calientes. Wir dürfen die letzten beiden Stunden unseres Weges ebenfalls auf dem Rücken der Maultiere zurücklegen, was jedoch unangenehmer und schmerzhafter ist als erwartet.
Gegen Mittag kommen wir endlich, total erschöpft, in Aguas Calientes an. Wir bekommen zuerst einmal etwas zu trinken und zu essen (selbstverständlich Reis). Doch wir können es kaum erwarten, schwimmen zu gehen und das warme Wasser der Quellen zu genießen. Deshalb erkundigen wir uns, wie weit denn die Quellen beziehungsweise der Fluss sei, weil wir in unmittelbarer Nähe weder Fluss noch Quellen sehen. Freudig erklärt man uns, das sie "nur" 45 Minuten entfernt seien.

Die Zwei auf dem Maulesel

Prima! Also geht es wieder los, diesmal mit einem anderen Führer aus dem Dorf. Eine knappe Stunde später erreichen wir endlich unser lang ersehntes Ziel - die heißen Quellen. Um ganz ehrlich zu sein, wir haben etwas mehr erwartet. Zu sehen ist nur ein kleines Loch in einem Felsen, aus dem durch ein Plastikrohr ein kleiner Strahl heißes Wasser fließt. Das Wasser ist irrsinnig heiß und fließt den Hang hinab in den Río Cobre, an dem auch Buenos Aires liegt. Dort wo das heiße Wasser in den Fluss mündet, verbringen wir den Rest des Tages mit Schwimmen und Schlafen.
Nach unserer Rückkehr erwartet uns eine neue Überraschung. Wir wohnen während unseres Aufenthalts in Aguas Calientes in einer Lehmhütte, ohne Fenster, ohne Türen, aber dafür mit vielen krabbelnden Mitbewohnern. Von so etwas hört mal immer mal, aber einmal in solch einer Armut zu leben, ist für uns ein prägendes Erlebnis.
Die zwei folgenden Nächte sind eine echte Herausforderung. Unser Schlaf wird unterbrochen von zahlreichen Wachphasen. Die Betten sind deutlich zu kurz und die Zeit der Dunkelheit ist viel zu lang, nämlich von abends sechs bis morgens sechs. Elektrischen Strom gibt es natürlich nicht, so dass man, wenn es dunkel wird, nichts anderes tun kann als zu versuchen zu schlafen.
Am Morgen wird uns dann bewusst, was es heißt, wenn es für ein ganzes Dörflein nur einen Wasserhahn als Wasserquelle gibt. Duschen geht nicht. Also gehen wir zum Fluss. Lediglich zum Zähneputzen und zum Trinken reicht der Wasserhahn.
Der Ausblick beim Zähneputzen ist dafür der reinste Wahnsinn. Man kann kilometerweit Berglandschaften bestaunen und gegen Abend in weiter Ferne Waldbrände beobachten.


Unterkunft in Aguas Calientes

Die Zeit am Tag vergeht nur sehr langsam, weil es nichts gibt, das man tun kann, außer lesen, schwimmen und schlafen. In der Küche sowie bei der Planung des Baus eines kleinen Hauses können wir nicht behilflich sein.
Am Morgen vor unserem Rückweg nach Buenos Aires essen wir ordentlich Reis, weil wir Angst haben, erneut den langen Weg mit leerem Bauch zu machen. Wir nehmen wesentlich mehr Wasser als auf dem Hinweg mit und Padre Niscasio, der uns diesmal nicht begleitet, gibt uns noch etwas Essen mit auf den Weg.
Der Rückweg entpuppt sich als fast reines Vergnügen, aber nur im Gegensatz zum Hinweg, da wir zum einen wissen, wie wir unsere Kräfte einzuteilen haben und zum anderen zwei Maultiere für drei Personen sowie genügend Verpflegung haben. Freudig und gut gelaunt kommen wir wieder in Buenos Aires an.
Ach, was ist doch Buenos Aires für ein relativ entwickeltes Dorf im Gegensatz zu Aguas Calientes.

Kurzinformationen
  • Luise Lüneborg ist im August gestorben. Sie war vor 28 Jahren Gründungsmitglied des Panama-Kreises, hat viele Jahre aktiv mitgearbeitet und uns bis zu ihrem Tod die Treue gehalten.
  • Murat Kurnaz aus Bremen verbrachte viereinhalb Jahre im US-Gefangenen-Lager Guantánamo auf Kuba. Die US-Behörden konnten ihm keine Verwicklung in terroristische Aktivitäten in Afghanistan nachweisen. Die Bundesregierung blockierte 2002 seine Heimkehr nach Deutschland. Der Panama-Kreis hat sich an einer a.i.-Aktion zugunsten der Freilassung von M. Kurnaz beteiligt. Ende August konnte er endlich wieder deutschen Boden betreten. Ausschüsse des deutschen Bundestages beschäftigen sich inzwischen mit einigen Merkwürdigkeiten des Falles.
  • Und wieder hat sich jemand von seinem aufbewahrten Zahngold getrennt und es uns zur Verfügung gestellt (103.-€). Wer ist der Nächste, der sein Zahngold zugunsten unserer Projekte aus dem Safe holt und uns anruft, um es abzuholen?
  • Am 15. September feierte C.S. aus Dortmund im Musiksaal der W. Richard-Dr./ C. Dörken-Stiftung in Herdecke ihren runden Geburtstag. Sie wollte keine persönlichen Geschenke und bat stattdessen ihre Gäste um eine Spende für die Ausbildung von Mädchen in unseren Schulprojekten. Die Spenden wanderten alle in einen ein Meter großen Tucan. 1515.-€ können wir jetzt für die Mädchen nach Panama überweisen. Den Tucan stellen wir gern für ähnliche Anlässe zur Verfügung.  

Café de Panama gibt es jetzt auch im REWE-CENTER in Kirchende zu kaufen.

Die Bäckerei-Konditorei Hagenkötter
hat ein für Panama

Die im letzten Info erwähnte DVD mit Kurzvideos von den beiden Bewässerungsprojekten in Arenal/Piedera Candela und El Cobre sowie von verschiedenen Projekten in Buenos Aires haben wir inzwischen erhalten. Ein erläuternder Text in deutscher Sprache wurde im Oktober von von Isabel Aust und Jaime Rodriguez in Berlin erstellt. Wer die DVD entleihen oder bestellen möchte, bitte ich, sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Unsere laufenden Projekte in Panama gehen zügig voran. Die Nähstube im Internat Harkort ist bereits in Betrieb. Die Herberge in Buenos Aires und die Werkstatt für die Herstellung der Solarlampen und Solarkocher in Santiago werden Ende des Jahres fertig sein, so dass wir in Kürze die

Werkstatteinrichtung sowie die Komponenten von 100 Solarlampen nach Panama schicken können.Die Kaffeepflanzung in El Salto entwickelt sich gut. Im Sommer wurden die noch empfindlichen Pflanzen von einer Laus befallen, die die Wurzeln der Pflanzen angreift. Der Schädling wurde mit einer Spritzung (Speiseöl) bekämpft. Da der Kaffee eines Tages als Bio-Produkt verkauft werden soll (bessere Preise), kamen keine chemischen Isektizide zum Einsatz.

Unser Mitarbeiter und Freund Dr. Jaime Espinoza , der in Deutschland promoviert hat, wurde von der panameischen Regierung am 21. September für seine Verdienste auf dem agrarwissen schaftlichen Sektor als Forscher des Jahres 2006 ausgezeichnet. Wir gratulieren ihm sehr herzlich.

Konten des "Dritte-Welt-Kreises Panama e.V."
Stadtsparkasse Herdecke: Kto.-Nr.: 215 5455 (BLZ: 450 514 85)
Sparkasse Wetter: Kto.-Nr.: 627 9673 (BLZ: 452 514 80)

V.i.S.d.P.: Paul K. Heer
Weg zum Poethen 51, 58313 Herdecke

"DWK Panama e.V." im Internet: www.panama-kreis.de

Auflage des gedruckten Panama Infos Nr. 87: 5.500